neuer HEP II-Kurs

Goldsworthy-Kurs

Am 15. Januar dieses Jahres starteten 10 Auszubildende in der HEPII und der gFAB. Trotz aller Widrigkeiten, was die Ausbildungsfinanzierung betrifft, haben sie den Weg zum Campus gewagt. „Kollegen bei mir am Arbeitsplatz haben von der Ausbildung erzählt und geschwärmt und ich freu' mich richtig, dass es jetzt losgeht!“
Zu Anfang hörten sie einen Beitrag zum Namenspaten des Kurses. Anschließend starteten sie mit Almut König in die Theaterimprovisation.

Andy Goldsworthy
*1956 in Cheshire/ England
geboren als Sohn eines Mathematikprofessors, studierte er im Alter von 18 Jahren am College of Art. Dort begann er mit seinen ersten Versuchen mit Naturmaterialien und erhielt bereits 5 Jahre später erste Auszeichnungen für seine künstlerische Tätigkeit.
In der Öffentlichkeit bekannte geworden ist Goldsworthy durch seine Bildbände, hier erschienen beim Verlag 2001, und durch den Film „Rivers and Tides“. 2017 erschien ein weiterer Film „Leaning into the wind“.
Durch seine Bücher und Filme hat Landart in den Alltag Einzug gehalten. In vielen Schulen, Kursen und im Netz, so auch am Campus, wird diese Art der Auseinandersetzung mit der Natur thematisiert. Viele Künstler wurden von diesen Arbeiten inspiriert.

„Bewegung, Wandel, Licht Wachstum und Zerfall sind das Herzblut der Natur, die Energien, die ich durch meine Arbeit versuche zu erschließen.(…) Wenn ich mit Blättern, Steinen oder Stöcken arbeite, beschäftige ich mmich mit ihnen nicht nur in ihrer Eigenschaft als Material; sie ermöglichen mir zugleich einen Zugang zum Leben, das in Ihnen ruht und das sie umgibt.(…) Ich bin mir darüber klargeworden, dass sich die Natur in einem Zustand ständigen Wandels befindet und dass diese Erkenntnis der Schlüssel zu ihrem Verständnis ist.“
Mit diesen Worten umreißt Goldsworthy viel vom Wesentlichen seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Der Beginn der Landart in den USA in den 60er Jahren war noch sehr Invasiv, mit massiven Umbauten, oft mit unvergänglichen Materialien wie Beton und Stahl. Allerdings setzte sich Landart damals ab von der „Besitzkunst“ und wollte sich nicht mehr als Spekulationsobjekt erwerben lassen können.

Der Gedanke an ein lebendiges Gefüge war noch nicht vorhanden. Es überwog noch das Bild des Menschen als eroberndes und beherrschendes Wesen, als gestaltender Titan, ein sehr vom Kolonialismus geprägtes Denken. Erst im Europa der 70er tauchte der Umweltgedanke in der Landart auf, die auch als Environmental Art bezeichnet wird.
Die europäische Auseinandersetzung mit der Natur wirkt sehr spielerisch, die entstandenen Werke haben etwas sehr ästhetisches, Sie muten an, als wären sie leicht nachzuvollziehen, was ihre Popularität noch steigert. Die künstlerische Auseinandersetzung aber ist wesentlich weitreichender, als auf den ersten Blick, der „Oh wie Schön!“ vermittelt oder bei weniger Zugang: „Das ist doch keine große Kunst. (…das kann ich auch)“.

Die Auseinandersetzung Goldsworthys begann mit der Empfindung der heimischen Landschaft, die sehr ländlich geprägt ist. Noch heute lebt er in einer ländlichen Gegend in Schottland, wenn er nicht auf Reisen ist. Seine Arbeit umfängt das Erleben der einen Gegend, ihres Wandels im Laufe der Jahreszeiten, das Werden und Vergehen. Im dörflichen Zusammenhang ist einem das Werden und Vergehen am geboren Werden, Wachsen und Sterben näher. Goldsworthy beschreibt immer wieder, wie er mit den Jahreszeiten, Elementen, Gezeitenströmen, Örtlichkeiten und den spezifischen Gegenheiten auseinandersetzt:

„Ich bin mir darüber klargeworden, dass sich die Natur in einem Zustand des ständigen Wandels befindet und dass diese Erkenntnis der Schlüssel zu ihrem Verständnis ist. Mir ist daran gelegen, dass meine Kunst sensibel und wachsam gegenüber dem Wandel von Materialien, Jahreszeiten und Wetter ist. Oft kann ich an einem Gedanken nur so lange festhalten, wie eine bestimmte Wetterlage anhält. Bei einem Wetterwechsel müssen sich meine Überlegungen entsprechend umstellen, sonst werden sie scheitern, was sie nicht selten tun. Gelegentlich bleibe ich bei einer Wetteränderung mit undefinierbaren Empfindungen zurück, die mich so lange begleiten werden, bis sie bei ähnlichen Wetterverhältnissen wieder zum Vorschein kommen.“

Das hört sich zunächst wenig ergiebig und erhellend an. Jemand achtet auf Wetterverhältnisse, um bestimmte Dinge tun zu können. Aber das ist das, was in der Arbeit mit Menschen einen guten Begleiter ausmacht: die Fähigkeit, lange zu beobachten, seine Empfindungen mit der Situation in einen Zusammenhang zu stellen. Stimmungen abzuwarten, um bestimmte Prozesse in Gang oder zum Abschluss zu bringen. Ein feiner Beobachter zu werden, der aus Situationen lernt, Potentiale entdeckt und seine Umsetzungsfähigkeit immer weiter herausarbeitet.

Bezeichnenderweise findet man weniger Arbeiten von Goldsworthy in frühlingshafter Stimmung, wenig Arbeiten mit Blüten (die aber bei Landart-Kursen sehr beliebt sind). Es ist, als ob in einer Zeit, in der die Natur selber sprießt und bildet wenig Raum für Interaktion bliebe. Die Natur überwältigt in ihrer Vielfalt und in ihren Prozessen jeglichen Versuch einzugreifen. Stattdesssen findet man viele Arbeiten mit Ästen, Blättern, Wasser, Steinen, gerne mit der Krgheit, mit dem Winter gar.
„Ich bin dem Norden bis an seinen Ursprung gefolgt – bis zum Nordpol, jenem Ort, wo der Winter entsteht.“

Es ist, als ließen sich dort, wo die Natur sich zurückzieht, wo sie erstarrt, wo die Bildeprozesse der Natur zur Ruhe gekommen sind und nur noch die Elemente in Bewegung sind, die Energien, die den Dingen inneliegen, am besten herausarbeiten. Ist es nicht so, dass auch im Alltag der Rückzug und die Pause wichtig sind, um Empfindungen zu Gedanken aufzuklären? Um diese zu schärfen, herauszuarbeiten und reifen zu lassen.
Immer ist der Mensch der Bewegung ausgesetzt aber im Denken kann er sich aus alldem herausheben, aus der Zeit, aus Bewegung, aus den naturgegebenen Prozessen. Da ist er Gestalter und Plastiker. Da werden Gedanken gebildet, geformt, die später in die Realisation überführt werden.

Wenn wir in der Ausbildungszeit so viele künstlerische Tätigkeiten als Teil der Ausbildung anbieten, so wird das oftmals als willkommene Pause zur Theorie, zum Denken erlebt. Tatsächlich ergänzen sich künstlerisches Tun und Theorie und vereinen sich in der praktischen Tätigkeit.
Handeln ist geprägt von Abstand nehmen, Betrachten lernen und Variieren. Künstlerisches Handeln fügt noch hinzu, dass man begreifen lernt:

  • man muss sich die Freiheit des Versuchs bis zum Gelingen erarbeiten
  • man lernt, mit dem Scheitern umzugehen
  • man erlebt seine ureigenen Gestaltungskräfte und diese für die Umsetzung zu nutzen

Wir hoffen, unsere Auszubildenden mit unserem Angebot zu facettenreichen Gestaltern auszubilden.

Stephanie Ilge