Eindrücke von der neuen Fortbildung „Helfer im Alltag“

Hilfe leisten – mit Respekt

von Laura Krautkrämer

Wie fühlt es sich eigentlich an, im Rollstuhl über eine hohe Bordsteinkante gefahren zu werden? Worauf sollte ich achten, wenn ich einen Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen über schwieriges Gelände führen will? Oder wie kann ich einem Mitbewohner aus der Badewanne helfen? Diese und viele weitere Fragen greift die neue Fortbildung „Helfer im Alltag“ der Fachschule Campus am Park auf.

Wann immer Menschen zusammen leben oder arbeiten, gibt es Situationen, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Es ist nicht immer leicht, dabei den richtigen Ton zu finden und Unterstützung zu bieten, ohne zu bevormunden. Die Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung zu fördern, aber auch ihre Fähigkeit, sich um weniger eigenständige Kollegen oder Mitbewohner zu kümmern – das sind wichtige Anliegen der Fortbildung „Helfer im Alltag“, die seit April 2014 an der Fachschule Campus am Park in Stockhausen im Vogelsberg angeboten wird.

Acht der neun Teilnehmenden leben und arbeiten in der in direkter Nachbarschaft gelegenen Gemeinschaft Altenschlirf. Einer von ihnen ist der 44-jährige Michael Lange. „In dem Haus, in dem ich am Anfang gewohnt habe, habe ich unter Anleitung einem Mitbewohner beim Baden, Waschen und Anziehen geholfen. Das hat mir Spaß gemacht. Ich habe dann gedacht, wie sieht es eigentlich mit mir selber aus? Vielleicht komme ich selbst ja auch mal in die Situation, dass ich solche Hilfe brauche. Da ist es doch eigentlich gut, anderen zu helfen, solange man das kann.“

Eigene Fähigkeiten erweitern

Die Anregung zur Fortbildung kam aus dem Rätekreis der Gemeinschaft Altenschlirf, der sich mit der Frage, wie sich Menschen mit Hilfebedarf gegenseitig noch besser im Alltag unterstützen könnten, an die benachbarte Fachschule gewendet hat. „Wir haben uns sehr über die Anfrage gefreut, weil wir im Campus auch schon länger den Wunsch hatten, so etwas anzubieten“, berichtet Ingrid Huss. Die Dozentin ist Teil der vierköpfigen Schulleitung und gestaltet mit zwei Kolleginnen – einer Pflegedozentin und einer Dozentin für Kunst und pädagogische Medien – die neue Fortbildung. „Jeder Mensch hat doch den Wunsch, sich im Laufe seines Lebens weiterzuentwickeln und sich weitere Fähigkeiten anzueignen“, ergänzt sie.

Christoph Steinke ist mit 23 Jahren der jüngste Teilnehmer und reist jedes Mal aus einer Einrichtung bei Detmold an. Ursprünglich wollte er den Hauptschulabschluss machen, interessierte sich aber auch für die Arbeit im sozialen Bereich: „Meine Eltern haben geguckt, welche Möglichkeiten es da so gibt und sind zufälligerweise auf diese Fortbildung gestoßen. Es hat mich interessiert, dass ich da lernen kann, anderen, die schwächer sind als ich, zu helfen.“

Beim ersten Treffen im Frühjahr 2014 hat sich die Gruppe viel Zeit genommen, um gemeinsam mit den Dozentinnen Fragen und Wünsche zu sammeln. „Jeder hat berichtet, was er oder sie schon tun, denn alle haben ja schon seit Jahren Erfahrung damit, anderen zu helfen“, erzählt Ingrid Huss. „Wir haben überlegt, welche Bereiche wichtig sind, auch, welche Fähigkeiten schon da sind, und haben alles in einem großen Tafelbild dargestellt.“ In insgesamt zwölf Modulen werden nun über zwei Jahre verteilt unterschiedliche Bereiche behandelt: Wie kann ich jemandem etwa bei der Körperpflege assistieren, ohne ihm oder ihr zu nahe zu treten? Welche Bereiche des Körpers sind für Berührungen tabu? Oder wie kann ich beim Anziehen helfen, ohne zu bevormunden? Jeweils einen Tag lang erarbeitet sich die Gruppe diese und weitere Themen.

Herausforderung an der Bordsteinkante

„Ich finde es gut, dass wir hier ansatzweise das lernen, was auch Fachkräfte in ihrer Ausbildung lernen. Beim letzten Mal haben wir zum Beispiel geschaut, wie man mit einem Rollstuhl umgeht und über den Bordstein hochkommt“, meint Christoph Steinke. Diese Erfahrung hat auch die anderen beeindruckt: „Ich fand es erst mal normal, mich in den Rollstuhl reinzusetzen, aber dann war es ganz komisch, da länger drin zu bleiben“, ergänzt Michael Lange. „Man kann sich das vorher gar nicht vorstellen, man sitzt ja viel tiefer, hat eine andere Perspektive.“

Auch das Thema „Führen und geführt werden“ stand schon auf dem Programm. „An einem Tag sind wir barfuß übers Gelände gelaufen, haben die Augen zugemacht und uns gegenseitig geführt“, erinnert sich Tamina Zarda (50). „Das fand ich bis jetzt am spannendsten. Wir haben in der Gemeinschaft zwei, die nur ganz eingeschränkt sehen können. Mal selber zu erleben, wie das ist, wenn man geführt wird, das war gut.“ Sabine Kusterer (44) erzählt: „Einmal haben wir auch besprochen, wie man andere Menschen berühren soll, ob mit so einer ‚Krallenhand‘ oder mit flacher Hand. Das fühlt sich ganz unterschiedlich an, das haben wir dann gemerkt.“ Tamina Zarda haben auch die Anleitungen zur Massage gut gefallen: „Das hab ich auch schon mal ausprobiert bei einer Mitbewohnerin, die fand es auch sehr schön.“ Trotz aller Abwechslung des Kursprogramms ist die Fortbildung doch auch eine Herausforderung, findet Michael Lange: „Manchmal fragen mich Mitbewohner oder Kollegen in der Werkstatt, was wir hier eigentlich machen. Ich sag dann immer, das ist echt Arbeit, das ist kein Ferientag!“

Nach rund einem Jahr haben viele Teilnehmende der Fortbildung schon wertvolle Erfahrungen machen können, die auch ihren Blick auf Alltagssituationen geschärft haben. „Ich kümmere mich um eine Frau aus unserem Haus, die nicht sprechen kann“, erzählt etwa Sabine Kusterer. „Ich schmiere uns beiden morgens immer das Pausenbrot und frage sie dann, was ich ihr machen soll. Ich lasse mir die Sachen zeigen, die sie will, damit sie selbst entscheiden kann.“

Austausch erwünscht

Im Rahmen der Trialen Methode, die auch Grundlage der anderen Ausbildungsgänge am Campus ist, setzt auch „Helfer im Alltag“ auf praktische, theoretische und künstlerische Elemente. „Neben den praktischen Übungen schreiben wir auch gemeinsam auf, was wir gemacht haben. Für jedes Modul wird ein Skript mit Bildern und Texten angefertigt“, berichtet Ingrid Huss. Verschiedene künstlerische Angebote wie Eurythmie, Formenzeichnen oder Gymnastik setzen weitere Akzente – ob als Ausgleich für sich selbst oder auch als Anregung für Freizeitbeschäftigungen mit anderen.

Den Initiatoren sind im anthroposophischen Umfeld bisher keine vergleichbaren Angebote bekannt, deshalb suchen sie den Austausch mit anderen Einrichtungen. Schon jetzt gibt es Pläne, die Fortbildung 2016, wenn der erste Durchgang fertig ist, erneut anzubieten. Die Erfahrungen des ersten Kurses sollen in die weitere Planung einfließen: „Beim nächsten Mal kann durchaus auch manches ein bisschen anders sein“, meint Ingrid Huss, „aber wir haben das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein.“

Mehr Informationen und Kontakt:

Fachschule Campus am Park/Ingrid Huss
Tel. 06647-9606-700;